Luzerns kleinste Gemeinde ganz gross: Gisikon wird 750 Jahre alt

Luzerner Zeitung vom 11.09.2020

Am 12. September feiert Gisikon Geburtstag. Die Geschichte des Dörfchens ist geprägt von einer Holzbrücke, die mehrere Kriege erlebt hat.

Am Hang der Rooterberges zwischen Honau und Root an der Reuss gelegen, ist Gisikon die flächenmässig kleinste Gemeinde im Kanton Luzern. So klein die Gemeinde ist, so gross war ihre Bedeutung in der Schweizer Geschichte: Mehrere Schlachten wurden hier ausgetragen, insbesondere das letzte Gefecht des Sonderbundskrieges 1847, aus dem die katholischen Kantone als Verlierer hervorgingen. Die Niederlage schuf die Grundlage für die Bundesverfassung und den Beginn der modernen Schweiz – sehr zum Unmut der damals lebenden Gisiker.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde Gisikon vor 750 Jahren. Der Gemeindename geht mutmasslich auf eine alemannische Siedlerfamilie namens «Gising» zurück. In den vergangenen 220 Jahren hat die Gemeinde einen bemerkenswerten Zulauf von Einwohnern erlebt. Über eine eigene Infrastruktur verfügt das Dorf erst seit den 1970er-Jahren, wie der ehemalige Gemeinderat Heinrich Arnet berichtet. Als Geburtstagsgeschenk erzählen wir nachfolgend die Geschichte des Dorfes Gisikon anhand seiner Wahrzeichen.

1. Das Zoll- und Gasthaus

Lange Zeit führte der Weg zwischen Luzern und Zürich unweigerlich an Gisikon vorbei. Östlich der 1431 gebauten Holzbrücke errichtete man deshalb ein Jahr später eine Zollstelle. Zur Kasse gebeten wurden einerseits Reisende auf der Landstrasse zwischen Zürich und Luzern oder dem Freiamt, aber auch Schiffe auf der Reuss. Das war lukrativ: Im 18. Jahrhundert war Gisikon die «viertbedeutendste Zolleinnehmerei» in der Region Luzern, wie der Luzerner Historiker Alfred Müller in seinem Büchlein «Gemeinde Gisikon damals und heute» (1997) berichtet.

Zoll- und Gasthaus Gisikon
Das Gebäude war auch ein Gasthaus, heute bekannt unter dem Namen «Tell». Seit 1777 verfügte der Wirt über das Tavernenrecht, durfte also auch Festmähler und Tanzabende veranstalten. Der Wirt war «zusätzlich mit der Aufgabe betraut, die Ufer der Reuss zu unterhalten. Vor der Elektrifizierung musste er zudem die Laternen auf der Holzbrücke entzünden. Mit der Bundesverfassung 1848 wurden die kantonalen Zollstellen aufgehoben, der «Tell» lädt aber nach wie vor zur Einkehr ein. Das heutige Gasthaus wurde 1847 erbaut. Der Vorgängerbau von 1785 befand sich gemäss Müller jahrelang in einem «erbärmlichen Zustand». Die Reparatur zog sich aber so lange hin, bis schliesslich nur noch ein Neubau in Frage kam.

2. Die abgebrannte Post

Heute ist der «Tell» der einzige Gasthof in Gisikon. Früher gab es aber noch ein zweites Restaurant in der Nähe des heutigen Bahnhofes. Laut Müller hiess dieses Gasthaus ursprünglich «Zum Storchen». Als im Restaurant zusätzlich das Postbüro einquartiert wurde, hiess es fortan «Zur Post». Das Gebäude beherbergte zudem eine Kegelbahn. Direkt neben dem Gasthaus standen die Pferdestallungen. Am Freitag vor dem Chilbi-Wochenende 1966 brannte das Haus nieder. In der «Dorfpost Gisikon» erinnert sich der ehemalige Gemeinderat Heinrich Arnet, wie das vonstatten ging: Demnach erhielt die Feuerwehr Gisikon Hilfe aus Dierikon. Man musste das Wasser aus der Reuss pumpen, was viel zu lange dauerte. Das Haus brannte bis auf die Grundmauern nieder. Immerhin gab es weder Verletzte noch Tote zu beklagen. Die «Post» wurde danach nicht wieder aufgebaut.
abgebrannte Post Gisikon

3. Holzbrücke(n)

Holzbrücke
Die ehemalige Holzbrücke von Gisikon spielt in der Geschichte der Gemeinde eine zentrale Rolle. Nicht umsonst ziert eine goldene Brücke das Gemeindewappen. Die erste Brücke wurde im 15. Jahrhundert erbaut. Wie das Historische Lexikon der Schweiz zu berichten weiss, wurde die Brücke mehrmals vernichtet und wieder aufgebaut; so geschehen um 1480, 1715 und 1854.
Umbau Brücke 1935

Die Holzbrücke muss Eisen und Beton weichen: 1935 wird die neue Reussbrücke erstellt, der geschichtsträchtige Vorgängerbau steht zu diesem Zeitpunkt noch. (Bild: Staatsarchiv Luzern, FDC 26/72.4)

Die Holzbrücke hatte es wahrlich nicht leicht; aufgrund ihrer militärstrategisch wichtigen Lage war sie mehrmals Kriegsschauplatz. Im Bauernkrieg 1653 wurde sie von aufständischen Bauern aus Root, Meierskappel, Gisikon und Honau besetzt. Nur drei Jahre später – im Ersten Villmerger-Krieg – blockierten die Luzerner die Brücke, um einen Angriff reformierter Truppen aus Bern vorzubeugen. 1934/35 – nach langem politischen Hin und Her – wurde die erste Eisenbetonbrücke erstellt, die 1974 erneuert wurde.

 

Der Sonderbundskrieg

Am 23. November 1847 wurde um die Gisiker Brücke die letzte Schlacht des Sonderbundskrieges  geschlagen; die Katholiken unterlagen genau an dieser Stelle. Die Niederlage läutete die Geburt der modernen Schweiz ein. Das begrüssten die Gisiker keineswegs: Mit 32 gegen 9 Stimmen verwarfen sie am 20. August 1848 die Bundesverfassung. In Tat und Wahrheit stimmte allerdings nur ein einziger Gisiker für die liberale Verfassung. Die restlichen 8 Zustimmungen kamen laut Alfred Müller nur durch Abwesenheiten zustande. Damals hatte Gisikon also gerade einmal 41 Stimmbürger.

Sonderbundskrieg

Das Gefecht in Gisikon vom 23. November 1847 während des Sonderbundskriegs. Holzschnitt aus der «Züricher Freitags-Zeitung». Am linken Flussufer das Zollhaus. (Bild: Grafische Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek, Zentrale Sammlung, Zf 615)

 

Die Obermühle

Die Obermühle
Laut Alfred Müller ist der Mühlebetrieb in Gisikon schon seit 1384 nachgewiesen. Nach dem Trockenjahr 1645 wurde ein Weiher angelegt, in den der Mühlebach und der Niklausenbach flossen. So konnte man nachts Wasser sammeln, um die Mühlen über vier Stunden zu betreiben. Ein einfaches Los hatten die Müller nicht, zuweilen mussten sie sich wehren. Etwa 1746, als ihnen jemand den Mühlebach zu Bewässerungszwecken abgrub.

In Gisikon standen einst eine Obermühle und eine Untermühle. Erstere ist bis heute im Dorf zu sehen; sie steht an der Wissehrlistrasse 2. Laut Denkmalverzeichnis wurde die Obere Mühle 1735 erbaut. Der Vorgängerbau sei wahrscheinlich schon 1510 als «Honauer Mühle» aktenkundig. Die Bäckerei in der Obermühle wurde noch bis 1962 betrieben. Die Untermühle hingegen ist verschwunden; sie stand im heutigen Industrie- und Gewerbegebiet. Der Betrieb der Unteren Mühle wurde 1870 eingestellt, die Bäckerei 1910. Der Grund lag laut Alfred Müller darin, dass der angestellte Bäcker «acht Franken mehr Lohn pro Monat» verlangte.

 

Der umstrittene Bahnhof

Der heutige Bahnhof Gisikon-Root steht zwar auf dem Boden der Gemeinde Root, war aber ursprünglich schlicht mit «Gisikon» beschriftet. Dies einfach deshalb, weil Gisikon bei der Einweihung des Bahnhofs 1864 bekannter war als Root. Denn die letzte Schlacht des Sonderbundskrieges war längst nicht vergessen, wie Alfred Müller festhält. Erst Jahre später erhielt den Bahnhof den heutigen Namen «Gisikon-Root». 1933 beantragte der Rooter Gemeinderat gar, «Gisikon» aus dem Stationsnamen zu streichen. Der Gisiker Gemeinderat wehrte sich erfolgreich dagegen.
Bahnhof

Schon die Erstellung des Bahnhofes war ein Politikum. Eigentlich hätte die Haltestelle der Linie Luzern–Zug beim Gasthaus Rössli in Root erbaut werden sollen. Die Bevölkerung der Gemeinde widersetzte sich und «verbannte» die Station nach Norden in Richtung Gisikon. Die Bauarbeiten verunsicherten wiederum die Gisiker. Man fürchtete Enteignungen und beklagte sich über die Arbeiter. Alfred Müller zitiert den Gisiker Schriftsteller Josef Roos (siehe Abschnitt 7), gemäss dem die Arbeiter geflucht hätten, dass «d Schtäärne am Himmel gwagglid». Bei der Bahnhofseinweihung 1864 schien alles dies vergessen: Die Gisiker feierten die Fahrt der ersten Eisenbahn freudig.

 

Die Reuss und das Gold

Bis ins 19. Jahrhundert hinein hatte die Reuss ein anderes Gesicht als heute, wie Alfred Müller festhält: «Des Reussbett war noch nicht begradigt und verbaut. Die Flussschlaufen umspielten busch- und baumbestandene Auenlandschaften, im Strombett gab es Inseln.» Damals wurde der Fluss mit Schiffen befahren, die auch am Gisiker Zollhaus berappen mussten. Der Zöllner war zudem berechtigt, in der Reuss Gold zu waschen. Im Sommer 1625 lieferte der Zöllner Andreas Karrer beim Staat «drei Korn Emmengold» ab, im Herbst waren es gar fünf Körner.

 

Der Dorfpoet

Dorfpoet
Der Gisiker Josef Roos (1851–1909) war zu seiner Zeit einer der bedeutendsten Mundartschriftsteller der Deutschschweiz. Unter dem Einfluss des Sprachwissenschafters Renward Brandstetter wurde er zum Vertreter eines «zunehmend ‹reineren› Luzerndeutsches», wie das Historische Lexikon der Schweiz schreibt. Er brillierte vor allem als Erzähler humoristischer Geschichten und Anekdoten. Roos wuchs in Honau auf, war als Lehrer in Meierskappel, Vitznau und Luzern tätig. In Hohenrain unterrichtete er Taubstumme.

Als Roos 35 Jahre alt war, ereilte ihn ein Schicksalsschlag: Ihn befiel ein Knochenmarkleiden, das ihn an den Rollstuhl fesselte. Fortan lebte er in einer kleinen Wohnung in der Tellenscheune in Gisikon – dort, wo heute das «MoTell» an der Reuss steht. Betreut wurde er erst von seiner Mutter, später von einer Haushälterin. Roos führte eine «kümmerliche Existenz als Kalenderredaktor und freier Journalist bei liberalen Organen», wie es das Historische Lexikon ausdrückt. Alfred Müller nennt Roos’ Sammelband «No Fyrobigs» ein zuverlässiges Dokument des Luzerner Dialekts in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Schriftsteller starb 58-jährig, 1986 setzte die Gemeinde ihm einen Gedenkstein.

 

Die Käserei

Die Käserei und Molkerei an der Kantonsstrasse zeugt vom Gisiker Unternehmertum. Das Gebäude wurde vor dem Ersten Weltkrieg von der «Genossenschaft vereinigter Milchproduzenten Gumpelsfahr-Körbligen-Gisikon» erbaut. Bis 1921 wurde hier Emmentaler hergestellt, danach Schlagrahm – laut Müller der erste, der in der Schweiz pasteurisiert wurde. Geliefert wurde der Rahm nach Zürich, Basel Lugano und Locarno. 1990 wurde die Produktion des Schlagrahmes eingestellt.
Die Käserei

 

Das fehlende Gotteshaus

Auf dem Boden der Gemeinde findet sich weder eine Kapelle noch eine Kirche, was in der Schweiz Seltenheitswert hat. Die Gläubigen gingen und gehen in Root zur Messe. Auf der Klausmatt gab es früher eine «Gisiker Kapelle», die dem St. Niklaus geweiht war, jedoch auf Rooter Boden stand. Die Kapelle wurde 1960 abgebrochen.

 

Die A14

In Gisikon leben rund 1400 Einwohner. Im 19. Jahrhundert waren es noch rund zehn Mal weniger. Die Bevölkerung der Gemeinde wuchs damit deutlich schneller als der Schweizer Durchschnitt. Die Eröffnung der Autobahn A14 im Jahre 1986 zog noch mehr Zuzüger an, wie das Historische Lexikon der Schweiz schreibt. Rund vier Fünftel der Erwerbstätigen seien Wegpendler, hielt das Lexikon 2006 fest.